Brühl, Christine von: Schwäne in Weiß und Gold

Erst vor kurzem behauptete ich hier, dass es Bücher gibt, die einen ins Museum treiben. Bei diesem Post ging es um Bilder, die mich sicher und endlich wieder einmal in die Gemäldegalerie Alte Meister bringen werden. An anderer Stelle waren es das Grüne Gewölbe, die Dresdner Schatzkammer. Auf der Suche nach des Dinglingers Meisterwerken, auf die Spur gesetzt von Kurt Arnold Findeisen. Ein völlig anderes Ding war eine Ausstellung im Albertinum, die vor einigen Jahren Skulpturen von Indianern zeigten, die das Vatikanische Museum an die Elbe ausgeliehen hatte. Schon wieder liegt ein Buch vor mir, dass eine ähnliche Wirkung haben wird: ich besuche irgendwann im Sommer sicherlich die Dresdner Porzellansammlung in es geht um das sogenannte Schwanenservice um die Schwäne in Weiß und Gold. Auch wenn es nicht mehr vollständig ist, die etwas über dreißig Teile, die die Familie Brühl dahin auslieh vor Jahrzehnten, sind glücklicherweise erhalten geblieben, auch die Formen gibt es im Lager der bekannten Meißner Manufaktur noch. Damit ist der Name gefallen, um den es geht: Brühl. Christine von Brühl , eine Nachfahrin des Grafen Heinrich von Brühl schreibt sich die Familiengeschichte von der Seele und das hat seinen Grund.

Brühl. Man lernt den Namen schon als ganz junger Dresdner, wenn man über den Balkon Europas läuft, denn der heißt die Brühlschen Terrassen. Eigentlich ist kaum noch etwas so, wie es zu Brühls Zeiten (1700 – 1763) aussah, daran hat ein Preuße, den man auch den Großen nennt, durchaus einigen Anteil.

Es ist die Zeit August des Starken, Kurfürst von Sachsen, später auch König von Polen, an dessen Hof wird dieser Heinrich als Page eingestellt und bald unentbehrlich. Auf dem Zeithainer Lager, einem gewaltigen „Lustmanöver“ an der Elbe, zieht sich Heinrich das Wohlwollen des preußischen Soldatenkönigs und den Hass dessen Thronfolgers zu. Doch bevor der dahingehend ausbricht, dass die Gebäude des Grafen auf dem Balkon Europas im siebenjährigen Krieg geschleift werden, vergehen noch einige Jahre. Nach des Starken Augusts Tod dient Heinrich von Brühl dessen Sohn und wirkt dadurch maßgeblich an der immensen Kunstsammlung mit, die der Kurfürst anlegt.

Als erster Minister muss er präsentieren, schreibt seine Nachfahrin. Daher sind es nicht nur persönliche Interessen, die Heinrich zum Erwerb des Gutes Pförten (poln. Brody in der Nähe von Forst) veranlassen: Schließlich braucht der polnische König auf der Reise nach Krakau oder Warschau angemessene Zwischenstationen. Ähnliches gilt für die weiß-goldenen Schwäne aus Meißen, es galt schließlich standesgemäß zu tafeln. Zudem hat Heinrich, nachdem Tschirnhaus und Böttger die Porzellan-Herstellung zur Meisterschaft gebracht hatten, erheblichen Anteil an der Entwicklung der Meißner Manufaktur, deren Direktor er wurde.

Das „Brühlsche Schwanenservice“ nannte Johann Joachim Kändler (1706-1776) das Kunstwerk, das über dreitausend Einzelstücke, es wird auch bis zu sechstausend gesprochen, hatte. Große und kleine Teller, Unter- oder Kaffeetassen, Wermutbecher, Schüsseln, Leuchter, Saucieren, Wärmeglocken, Gewürzständern, Zuckerdosen, Salznäpfe, Assietten, Milchkummen, Schwenkkessel, Blumenvasen, Wandapplikationen, Gläserkühler, Flaschenhalter und vieles mehr.

Staatliche Kunstsammlungen – Dresdner Zwinger*

„Zentrale Schaustücke stellten zwei monumentale Tischaufsätze dar, einer für Vorspeise und Hauptgang, der andere für das Dessert.

Bis heute gilt dieser Tafelschmuck als Höhepunkt barocker Porzellankunst. Er durchbrach mit seiner offensichtlichen Prächtigkeit die Scheidewand zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstwerk, verwies klar und deutlich auf den Unterschied zwischen Pflicht und Kür und dokumentierte auf das Ansehnlichste, woran es den Meistern von Meißen gelegen war: Sie wollten keine einfachen Handwerker sein, auch keine Kunsthandwerker, sondern exquisite Künstler. Ihr Ziel war es, ihre individuelle Meisterschaft immer an einzelnen Produkten unter Beweis zu stellen und dem innovativen Werkstoff denselben Rang zuzuweisen wie den kostbarsten Materialien der Welt. Kein Wunder, dass Porzellan mit dem wertvollsten Edelmetall verglichen wurde. Man nannte es das weiße Gold.“ (Seite 87)

Soviel hier zum Service selbst.

Stücke aus dem Schwanensvervice

 

Das sind allerlei Schlussfolgerungen, die der historisch interessierte aber nicht studierte Dresdner allein aus dem Sechsteiler Sachsens Glanz und Preußens Gloria, der teuersten DDR-TV Produktion, so nicht erfährt, hier ist Heinrich der egoistische, sich bereichernde, intriganten Erste Minister, als den ihn viele vermeintlich kennen, als der er gezeichnet wurde obwohl später Biografen keine besonderen Hinweise dafür fanden.

Für Christine von Brühl galt es also aufzuräumen mit Klischees und Bildern zu ihrer Familie. Dies betrifft auch das Familienleben zwischen Heinrich Graf von Brühl und Maria Anne (Marianne) Franziska Gräfin von Kolowrat-Krakowski (1717-1762). Im Film eine reine Zweckehe, war sie wohl doch von Zuneigung geprägt, herausgelesen aus den Briefen der Mutter an ihre Söhne.

 

Das Ehepaar Brühl

 

So erzählt die Autorin also die Geschichte einer Familie und ihres „Tafelsilbers“, welches bis zum Ende des 2. Weltkrieges immer vom Majoratserben, der auf Pförten saß, zusammengehalten wurde.

Eine Familiengeschichte über Jahrhunderte, die an keiner Stelle  langweilig wird. Da sind die Brühl in Preußens Diensten, die Zweige der Familie in verschiedenen Gegenden, Brühls als Politiker in Ostpreußen und die Brühls auf der Sache nach den Resten des Service. Ist GRAF BRÜHL auch allgegenwärtig, so ist er doch der Urahn, die nachfolgenden Generationen spiegeln Geschichte nicht nur im Glanz des Porzellans mit den blauen Schwertern. Viele Möglichkeiten zeigt die Autorin auf, sich sic selbst auf die Suche zu begeben, sei es in DresdenForstBrody oder Nischwitz und Seifersdorf nach den Bühls oder im Zwinger nach den Schwänen und Weiß und Gold.

 

Tafelsilber

 

In Dresden gibt es ein Kraszewski – Museum. Der Pole, der im 19. Jahrhundert in Dresden lebte, schrieb eine ganze Reihe Romane über die sogenannte „Sachsenzeit“, am bekanntesten ist die Sachsentrilogie, die aus Gräfin Cosel, Graf Brühl und Aus dem siebenjährigen Krieg besteht. Daraus entstand der bereits erwähnte Sechsteiler. Das Bild, welches dieser von Brühl vermittelt, stimmt also nicht.

„Brühl, habe ich noch Geld?“

„Majestät wissen doch, Majestät brachen nur zu befehlen.“

Brühl, ich liebe dich.“

Und doch hat Jozef Ignacy Kraszewski (1812-1887) uns diese Zeit sehr plastisch beschrieben, wenn er auch diversen Überlieferungen ausgeliefert war. Der Gouverneur von Warschau ist übrigens ein Sohn des alten Heinrich. Und als Dresdner empfehle ich nun beides: Die Romane und das famose Buch der Christine von Brühl. Solche Sachbücher, zumal eine solche Familienbiografie holen den Romanliebhaber auf den Boden der geschichtlichen Tatsachen zurück.

 

Die Sachsenromane von Kraszewski

 

Ich bedanke mich für das Rezensionsexemplar, welches ich mit Freude und fortwährender Spannung gelesen habe. Es wandert nun durch die Familie.

 

© Bücherjunge (NZ, 08.08.2021)

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