Findeisen, K.A.: Der Goldene Reiter und sein Verhängnis

Es war das ultimative Geschenkbuch für Freunde und Kollegen, die Dresden besuchten. Einige Zeit lang hatte ich immer ein Extra-Exemplar im Regal. Vor mir liegt ein historischer Roman in ausdrucksstarkem Deutsch, so wie vor Jahrzehnten noch geschrieben wurde. Ehrlich, man liest ganz anders. Kurt Arnold Findeisen schrieb 1954 den historischen Roman DER GOLDENE REITER UND SEIN VERHÄNGNIS.

Vor uns liegt eine „Romanchronik aus den Tagen des Barock“.
In einem „Vorwort“ erzählt der Bildhauer Christoph Rüger im Jahr 1790 von seinem Vater Moritz, der als königlicher Bibliothekarius zu Zeiten August des Starken in Dresden lebte. Wir lernen dieses Dresden im Haus des Johann Melchior Dinglinger kennen, dem Goldschmiedemeister, der aus Schwaben an den kurfürstlich-sächsischen und zeitweise königlich-polnischen Hof kam. Dinglinger ist einer Goldfasanen des Königs. Zu diesen werden ebenso der Bildhauer Balthasar Permoser, der Baumeister Matthäus Daniel Pöppelmann und ein gewisser Johann Friedrich Böttger. Letzterer war Alchimist und hat mit Freiherr Ehrenfried Walther von Tschirnhaus das Meißner Porzellan erfunden, davon habe ich hier bereits einmal geschrieben.

Bilder sind dem jeweiligen Wikipedia-Artikel entnommen

Damit die historisch interessierte aber (noch) nicht übermäßig dresdenkundige Leserin oder der Leser ein Bild bekommt, was die „Goldfasane“ so geschaffen haben, sei Folgendes dargestellt: Der Pöppelmann ist der Baumeister des Dresdner Zwingers. Permoser erschuf die Skulpturen an diesem Barockensemble und den Nympfenbrunnen. Dinglinger war Goldschmiedemeister und erschuf viele der heutigen Austellungsgegenstände im Grünen Gewölbe, der Schatzkammer Dresdens, wie das Goldene Teeservice. Die Diana im Bade ist ein Werk von J.M. Dingliner und Permoser.

Werke der Goldfasane

In diesem Buch geht es nicht nur um diese vier herausragenden Persönlichkeiten des Barocks, es sind ja noch viel mehr bekannte Personen, die Findeisen in sein buchiges Gemälde malt. Bernardo Belotto, genannt Canaletto, der Maler – Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, der Wissenschaftler – der Hofnarr Fröhlich („semper fröhlich . nunquam traurig“) und viele andere…

Das erste, was der junge Moritz an der Hand seines Vaters kennenlernt, ist das Haus des Goldschmiedemeisters. Gleich zu Beginn erzählt er mit Begeisterung davon. Der Hofmechanikus Gärtner hatte allerlei mechanisches Wunderwerk in diesem Haus installiert.

„Darauf wies er uns zu den Wasserbecken. Und was geschah dort?Von den Lippen der Tritone fing es an zu tropfen, zu rieseln zu rinnen, die Mäuler der steinernen Fische und Salamander wurden zu Quellen, welche sprudelnde Bäche von sich gaben und der kleine Delpphin, der sich mitten in jedem Becken aufwärts bog, gab einen Strahl von sich, der höher und höher stieg. Schließlich plätscherte es zur Linken und zur Rechten des Altans aus Dutzenden von Öffnungen, gemuschelte Schalen fingen die Flut auf, bis sie überschäumten und den Inhalt in das Becken entleerten, das sich mehr und mehr füllte und doch nicht überfloß; denn irgendwo war dafür gesorgt, daß das Wasser durch die Rohre nach unten entweichen konnte. Es war ein solennes Schauspiel. Dazu ging von der ganzrn Kunst eine sürbare Frische aus, die auf dem heißen Dach ungemein wohltat…

Der Herr Hofjuwelier lachte übers ganze Gesicht in der begreiflichen Genugtuung des glücklichen Besitzers: ‚Süperb ausgedacht vom Meister Gärtner, nicht wahr? Unten im Hof drehn ein paar Leut‘  die Kurbel einer Maschine, hier oben rauscht es, und sabei füllen sich im ganzen Haus auch noch allerlei Behälter, so daß die Weiber mit Eimern und Bütten kein beschwerlich Gelaufe mehr haben‘ „ (Seite 19)

Beschreibung des Dinglingerhauses in der Frauengasse – Seite 14-15

Moritz Rüger lernt, bis auf diesen Böttcher, der in den Kasematten Dresdens, der Festung Königsstein und dann auf der Albrechtsburg in Meißen zum Goldmachen verbannt ist, all diese Leute kennen, die den Prunk des sächsischen Hofes sichtbar machten. Und deren Streitereien, deren Probleme mit dem absoluten Herrscher, dessen Zahlungsmoral der heutigen mancher Bürger ähnlich scheint. Der Permoser war wohl besonders davon betroffen. Außerdem hatte er den ersten Entwurf des steigenden Pferdes für den Goldenen Reiter geschaffen und regte sich maßlos darüber auf, dass dieser verworfen wurde.

Moritz erzählt einen Zeitraum von ca. fünfundsechzig Jahren. Wenn zu Beginn der Dinglinger bemerkt, dass das goldene Teeservice bis Weihnachten fertig sein soll und am Ende vom Tod der Gräfin Cosel berichtet wird, dann umfasst das Buch den Zeitraum von 1701 bis 1765. Da kommen und da gehen Leute und auch Kriege. So zum Beispiel der Siebenjährige Krieg. Da beschossen die Preußen die sächsische Residenz und die Kuppel der Frauenkirche trotzte den preußischen Kanonenkugeln. „Dann lasst den Dickkopf stehn!“ soll der Preußenkönig gesagt haben.

Johann Melchior Dinglinger & Balthasar Permoser (Buch Seite: 32/4 und 32/5)

Moritz wird in Dinglingers Familie einheiraten. Als Bibliothekar schreibt er seine eigene Chronik. Sein Sohn geht in einer Nachbetrachtung fünundzwanzig Jahre später, also 1790, darauf ein. Mit Morgenröte ist dieser Teil überschrieben, und das hat durchaus Bedeutung: Der Sohn blickt zurück im Spiegel der gerade stattfindenden französischen Revolution, deren Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit dem Absolutismus so entgegenstehen. In diesem Sinne wünschte er der Stadt, die der Vater so geliebt, dass geschilderte „Prüfungen und Schattentage“ erspart bleiben sollten.

* Ergebirgsverein e.V.

Es hat nicht sollen sein, Findeisen musste Dresdens Untergang mit ansehen, er wurde ausgebomt und verlor dabei einen Enkelsohn. Es war ihm besonders angelegen , dieses alte Dresden für uns zu beschreiben, wie eben das Dinglingerhaus mit seinen mechanischen Kunstwerken, in Schutt und Asche gelegt am 12./13. Februar 1945.

Mit den letzten Zeilen weist der Autor auf ein weiteres Werk hin, über FLÜGEL DER MORGENRÖTE habe ich hier bereits geschrieben. Im Jahr 1883 wurde der Autor in Zwickau geboren. Er hat in vielen Romanen seine Heimat, insbesondere das Erzgebirge aber insgesamt ebenso Sachsen und vor allem Dresden beschrieben. War es hier die Zeit des Barock, die für Dresdens Beinamen „Elbflorenz“ sorge, so hat er in FLÜGEL DER MORGENRÖTE das 19. Jahrhundert vor Augen gehabt. Die alten Dichter pflegten dabei ein geschliffenes Deutsch mit mannigfaltigen Beschreibungen unter Verwendung vieler Adjektive. So etwas bekommt man heute kaum noch zu lesen, obwohl es durchaus noch Schriftsteller gibt, die daran anknüpfen.

Es gibt so einiges, das der Dresden-Fan aus eben diesen Gründen in den nächsten Jahren lesen sollte.

  • DNB / Verlag der Nation / Berlin, 1990 – 13. Auflage / ISBN: 3-373-00451-9 / 303
  • Geschichte im Roman – Findeisen
  • veröffentlicht bei Litterae-Artesque am 19. Februar 2019

© Bücherjunge (NZ – 06. Februar 2021 – UR)

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