Findeisen, Kurt Arnold: Der Siebenpunkt

Unter dem Blauen Wunder

Wenn man doch raus könnte. Zum Beispiel in die Sächsische Schweiz. Doch sitze ich hier ja in Mecklenburg fest. Naja, ich kann ja raus hier, aber eben gerade nicht nach Sachsen. Da muss ich mich also begnügen. Mit einem Heftchen, welches ich als Beigabe in einer Bücherkiste erhielt. Eine Geschichte steht darin. Eine Geschichte von Kurt Arnold Findeisen. Die Geschichte heißt: DER SIEBENPUNKT.

Die Geschichte ist schnell erzählt: Es gab da einen Angestellten in einer Dresdner Firma, der hieß Leopold Ackermann. Dem hatte es ein Mädchen angetan, welches Elsa Specht gerufen wurde. Dem Leopold war jüngst eine entfernte reiche Tante verstorben und die hatt ihn etwas über 50 Reichsmark vererbt. Dass seine Firma mit dem seltsamen Namen „Fe-Be-Ko-Bra“, was für „Fellbearbeitungskompanie Brandt“ steht, aus Kaninchenfellen echte Nerze und Silberfüchse herstellte, tut hier nichts zur Sache. Ebensowenig wie der Umstand, dass besagtes Fräulein Specht angestellt in „Steiners Paradiesbetten“ war. Das Mädchen wohnte in einem Hinterhaus und war nicht sonderlich begütert. Aber Leopold fand sie entzückend.

Regelmäßig trafen sie sich an einem Speiseautomaten, der für einige Groschen (wer weiß denn schon noch, was ein Groschen ist) Schnittchen mit Hackepeter und Gürkchen, Fleischsalat oder altdeutsche Würtchen mit Senf darbot. So eine Mittagspause ist im Jahr 1939 recht kurz und so lud der Leopold die Elsa zu einem Ausflug ein und der führte in die Sächsische Schweiz, „oder wie man neuerdings sagte, ins Sandsteingebirge.“

 * * *

Schweifen wir mal kurz ab. Dieser kleiner Satz barg einen Hinweis, der mich das Erscheinungsdatum des Heftchens suchen lies, welches ich auch darum soeben erwähnte. Ich las einmal eine Geschichte in der der Führer des Großdeutschen Reiches seinen Gauleiter Mutschmann in Dresden besuchte und diesen dann fragte, warum dieses Gebirge an der Elbe Sächsische Schweiz heiße, wobei er was von Juden hinzufügte. Der Gauleiter erklärte, dass die Felsen aus Sandstein wären. So wäre der Name Elbsandsteingebirge förmlich auf den Kerl mit dem Bärtchen zurückzuführen. Ob dies stimmt, weiß ich nicht, auf jeden Fall ist dies der erste Hinweis darauf, dass da was dran sein könnte. *

Bevor ich dieses The verlasse, sei noch eine Episode in diesem Heftchen vermerkt: Ein Marienkäferchen hatte es dem Elschen angetan, es war standesgemäß ein SIEBENPUNKT. Das veranlasste Herrn Leopold zu einer Bemerkung, die auf einen gewissen Wilson und seinen Dreizehn-Punkte-Plan hinwies. „Wenn Wilson damals statt seiner verfluchten dreizehn Punkte mit sieben solchen Punkten dahergekommen wäre, ginge es der Welt heute wesentlich besser.“ Selbst Fräulein Elsa stimmte dem im Zug nach Rathen zu. Mal abgesehen davon, dass der US-Präsident Woodrow Wilson seinerzeit im Jahr 1918 ein Vierzehn-Punkte-Programm vorlegte, welches nur zum Teil im Versailler Vertrag Eingang fand, führte genau dieser auch zum Hass auf den US-Präsidenten. Ein Punkt, auf den Findeisen hier durch einen Marienkäfer (!) hinwies.

Das ist ein interessanter Aspekt, vermutlich hat der Autor hier ein paar Dinge eingefügt, die die Veröffentlichung im Reclam Verlag zu dieser Zeit beschleunigten, vielleicht erst möglich machten

Zurück zum schönen Teil der Geschichte, die unser Wanderpäärchen über den Lilienstein, den Amselgrund, die Schwedenlöcher auf die Bastei führt.

„Jetzt hielt der Zug vor dem Bahnhof Rathen, der von dem schmucken Kurort, dem er zugehört, durch die Elbe getrennt ist. Gebieterisch schoß ihnen gegenüber das dunkle Bastei=Massiv, in dessen Rücken die Morgensonne spielte, aus dem Stromtal empor. Wie Pfeifen einer ungeheuren Orgel standen die Felssäulen senkrecht beieinander, willkürlich gestuft, durch schwarze Spalte und Kamine getrennt, durch schmale Streifen wuchernden Laubwerks hier und da zusammengekoppelt. Unten der gedrängte Uferwald die Tastatur des Pedals, darüber als Manual die birkenbestandene Fläche, die die Sohle längst verlassener Steinbrüche ist.“ (Seite 14)

 

 

Findeisen hat so manche Geschichte (Lockung des Lebens) über Musiker geschrieben, seine Ader dafür tritt in diesem Text deutlich hervor. Lustig ist die Beschreibung des Amselfalles:

Hat der Gast beim Amselwirt 10 Pfennige (=1 Groschen) oder 5 Pfennige bei Kindern entrichtet, betätigt der einen „Klingelzug, zieht, und siehe da, im Handumdrehen donnert der Fall zu Tal. Rauschen erfüllt den engen Grund. Zahllose Gießbäche turnen zischend über die Freitreppen der Felsen herunter. Tropfen stieben. An den Steinhängen in der Runde ereifert sich ein schüchterner Wiederhall.“ (Seite 37)

Gewaltig. Muss man gesehen haben, wenn man das liest. Und dann „sterzn mit Dosn und Brausn, zwee Eemer voll Wasser hinein…“

Leopold wandert mit der Elsa die Schwedenlöcher hinauf. Von Bauern ist die Rede, die ihre Kühe unter den Kuhstall im Böhmischen brachten, viel weiß er ihr zu erzählen. Dann stehen sie oben auf der Plattform:

„Im dunklen Metallglanz bog sich der Strom in die tiefe. Seine Ufer waren von einem zauberhaften Violett überhaucht. Die Dächer der winzigen Landhäuser an seinen Seiten, ziegelrot und schieferblau, schimmerten wie geschliffene und edel gefaßte Steine. Im weiten Raum schwang der Jubel eines strahlenden Tages aus. Verlorene Akkorde von allerlei Instrumenten wehten dort und hier im Tal. Gesang schwebte, riß ab, wurde anderswo angeknüpft. Gekicher und fröhliches Rufen ballte sich und zerfiel wieder. Weiße Salondampfer, überfüllt mit drängendem Volk, schaufelten sich den Strom hinab und hinauf. Die kleine Fähre, die den Verkehr zwischen Rathen und seinem kleinen Bahnhof vermittelt, klingelt zuweilen aufgeregt. Ein Schnellzug donnerte nach Böhmen, sein Echo fuhr hohl an den Wänden hin. Um die Felsgipfel schossen Schwalben, ließen sich ins Bodenlose fallen und fingen sich wieder, schrille Schrei hinter sich herziehend wie flatternde Bänder. Und aus all den hundert Bruchstücken von Klang, aus Hall und Widerhall und dem unablässigem Gemurmel des weiten Raumes rann eine Musik zusammen, die sinnverwirrend war in ihrem gedämpften Wechsel zwischen Reiz und Rausch, zwischen Freudenmut, Überschwang, Sehnsucht und Elegie, eine Musik der halben Andeutungen und der Zwittergefühle, die den Tag feierlich in den Abend hinüberleitete.“ (Seite 48)

 

Elbe vom Griesgrund © I. Döhler

Natürlich führt die Geschichte zu einem glücklichem Ende, die beiden fahren treffen auf eine Reisegesellschaft, die sie im Autobus mit nach Wehlen nimmt, von dort fahren sie mit dem Musikdampfer weiter elbabwärts, mit dem Zug von Pirna dann nach Hause. Ein Marsch, der es in sich hatte.

 

Wehlen im Herbst

 

Findeisen – Stapel

Das Heftchen schließt ab mit sieben Standpunkten zum Thema Weihnachtspyramiden, aber dazu kommt vielleicht noch mal ein Beitrag in acht Monaten.

Das sind schon Texte, die Findeisen aus der Feder laufen. Solches zu lesen, ist oft ein Genuss, auch wenn mir dies hier dann doch ein wenig übertrieben scheint. Dies ist der Grund, hier keinen Vergleich mit solchen Geschichten wie RHEINSBERG oder SCHLOSS GRIPSHOLM von Tuchholsky zu ziehen, solcherart Liebesgeschichten müssen vor Jahrzehnten sehr beliebt gewesen sein.

Trotzdem gefällt mir der Stil von Kurt Arnold Findeisen. Von diesen kleinen Geschichten, Lockung des Lebens (1924), Der Siebenpunkt (1939) zu den Romanen Der Goldene Reiter… (1954) und Flügel der Morgenröte (1956) ist es langer Weg. Die Romane weisen ebenfalls sehr schöne Texte auf, wie man sie heute nur selten findet. Die historischen Romane sind der Höhepunkt seines Schaffens. Der Schriftsteller starb 1963 in Dresden.

  • Der Siebenpunkt / Verlag Philipp Reclam jun. Leipzig / 1939
  • veröffentlicht bei Litterae – Artesque am 09. April 2020

* in Neubert, Werner: Die Beschießung Almerias / Militärverlag DDR / 1984

© Bücherjunge

(NZ – 16. Februar 2021 – UR)

 

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