Galonska / Elstner: Hellerau

Geschichte in Fotos

Wer kennt das nicht: Da lebt man Jahre oder gar Jahrzehnte in einer Stadt und doch gibt es Stadtteile, die man gar nicht richtig kennt. 5fb1c-Logo2BB25C325BCcherjunge

In meinem Fall habe ich sogar zehn Jahre ganz in der Nähe gearbeitet und bin manchmal, bei Stau auf der Königsbrücker Landstraße auf den Moritzburger Weg abgebogen um von Hellerau zum Flughafen Klotzsche zu gelangen.

Im Laufe dieser Bloggertätigkeit lernte ich vor einigen Jahren Frank Elstner vom Palisander-Verlag kennen und auf der vorletzten Buchmesse in Leipzig fand ich dieses Fotobuch über die Gartenstadt Hellerau in den Regalen des Verlages, es erschien allerdings bereits im Jahr 2007, damals feierte man Einhundert Jahre erste deutsche Gartenstadt.

Hellerau - Im Norden Dresdens

„1906 erwarb der visionäre Möbelfabrikant und Sozialreformer Karl Schmidt, der Besitzer der Deutschen Werkstätten, das Land, auf dem seine neuen Produktionsstätten und die Siedlung errichtet werden sollten. Im selben Jahr begannen die städtebaulichen Planungen. 1907 wurde der Deutsche Werkbund gegründet, ein Ereignis, das in einigem Zusammenhang mit der Gründung der Gartenstadt steht. Im Juni 1908 gründete sich die „Gartenstadt-Gesellschaft Hellerau GmbH“. Am 1. April 1909 erfolgte der symbolische erste Spatenstich. Bereits ein Jahr später begann die Produktion in den neuen Möbelwerken und die ersten Anwohner ließen sich in Hellerau nieder.“

Hellerau – Seite 5

Es war die Zeit, in der man, ganz im weiteren Sinne des utopischen Sozialisten Robert Owen, darüber nachdachte, durch die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter Einfluss auf die Produktivität zu nehmen. Die Idee der Gartenstädte geht dabei auf Ebenezer Howard zurück.

Plan (Foto URDD)

Das vorliegende Buch lädt zum Rundgang durch die Gartenstadt ein, deren einzelne Teile von verschiedenen Architekten entworfen wurden. Die Besonderheiten der Bauweise werden im vorliegendem prägnant beschrieben. Die Karte links findet man nicht nur im Einband des Buches sondern auch mehrfach in den Straßenzügen.  Die Gartenstadt bekam Schule, Waldschänke, Festspielhaus und kleine Parkanlagen, sie ist an der Peripherie der großen Stadt gelegen, städtisch und ein wenig ländlich zu gleich.

 

Ein zentraler Platz in Hellerau ist das Areal des Festspielhauses. Dies ist heute wieder ein Zentrum des modernen Tanzes, ursprünglich, also zu Beginn, Zentrum für rhythmische Gymnastik. Im Jahr 1912 war der Bau vollendet. Architekt war Heinrich Tessenow. Das soll den Architekten der Gartenstadt (Schmidt, Riemenschmid) in seinen Dimensionen zu weit gegangen sein. (Seite 39)  Doch entwickelte sich hier ein Zentrum für moderne Kunst und Tanz, die Lehrerin Gret PaluccasMary Wigman, entwickelte hier den freien Ausdruckstanz. Das Festspielhaus entwickelt sich heute wieder zu einem angesagten Kunsttempel. Die so genannten Künstlerpensionen von damals gibt es heute wieder am Zugang zum Areal. In den Treppenaufgängen des Festspielhauses prangen die Beweise für dessen zwischenzeitlich Nutzung.

Hellerau ist wahrhaftig eine grün-bunte Gartenstadt am Rande Dresdens, die zu besuchen und zu durchstreifen durchaus Stunden dauern kann. Plätze zum Verweilen und zum Nachlesen in diesem Buch finden sich zu nahezu überall.

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Zu guter Letzt ist die Waldschänke, im Buch noch als Ruine beschrieben, inzwischen auch wieder Heimstätte eines Bürgervereins. 

(C) URDD

Heimatgeschichte. Es gibt immer was neues zu entdecken. Nie hat man alles schon gesehen. Sicher führt mich der Weg auch einmal in dieses Festspielhaus. Oder wird es mal Pensionssitz? 

Frank Elstner (geb. 1963) erzählte mir auf der Buchmesse 2016, dass er sich für dieses Buch extra mit Architektur- und Großformatfotografie beschäftigt hat. Der promovierte Physiker, der hauptsächlich als Verleger, Übersetzer und Autor arbeitet, zeigt hier eine weitere interessante Facette seines Wirkens.

Der freie Architekt Clemens Golonska (geb. 1960) hat sich während des Studiums in Aachen und Braunschweig in das Hellerauer Konzept verliebt. Inzwischen wohnt er hier im Norden Dresdens und macht auch Führungen durch die Gartenstadt. Auch das ist sicherlich einen weiteren Besuch wert.

© URDD

© Bücherjunge (NZ – 02. Februar 2021 – UR)

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