Günther, Ralf: Arzt der Hoffnung

Es war Zufall, schreibt mir der Autor, dass der Stoff dieses Buches bereits konzipiert war, als eine tatsächliche Pandemie begann, sich über dem Erdball auszubreiten.

Ralf Günter schreibt:

„Den Roman über das letzte große Auftreten der Cholera in Europa schrieb ich gewissermaßen an den aktuellen Ereignissen entlang, ein Teil entstand in Quarantäne und die geplante Recherchereise nach Hamburg fiel aus.“ (Seite 309)

Selten schafft es ein historischer Roman derartig aktuell zu sein. Aktuell auch deshalb, weil, seit der Direktor des Robert-Koch-Institutes regelmäßig auf Pressekonferenzen im TV zu sehen und hören ist, der Name der im Roman Arzt der Hoffnung handelnden Hauptfigur in aller Munde ist. Das RKI teilt mit… Und schon ist Robert Koch, zumindest dessen Name wieder präsent.

Robert Koch (1843 – 1910) , Begründer der modernen Bakteriologie, wies den Milzbrand Bazillus als Krankheitserreger nach, entdeckte 1882 den Tuberkulosebazillus und 1883 den Choleraerreger.. von 1891 bis 1901 leitete er das Institut für Infektionskrankheiten. So steht es im Lexikon.

Mit dem Tuberkulosebazillus wurde er weltberühmt, mit der Cholera legte er wohl den Grundstein der Epidemiologie, hatte er den Erreger doch in Ägypten und Indien an Ausgangs- und Verbreitungsorten direkt untersucht.

Und nun befindet sich das Komma-Bazillus also in Hamburg. Wir schreiben das Jahr 1892.

Koch befindet sich mit Hedwig Freiberg, seiner Geliebten, die medizingeschichtlich Interessierte bereits aus der ersten Staffel CHARITÉ kennen, im Urlaub an der Nordsee, als er ein Telegramm erhält, welches ihn sofort nach Berlin beordert. Es geht um die Ausbreitung der Cholera. Robert Koch, Geheimer und Medizinalrat, macht sich auf den Weg, trifft in Hamburg auf einen Stabsarzt des preußischen Gesundheitsamtes, der hat eine Probe bei sich, die Koch noch im Reisezug mikroskopiert. Das ist so ziemlich der erste Moment, indem es nicht nur den Stabsarzt Dr. Weisser und den Schaffner wegen des Geruchs schüttelt, es schüttelt auch den Leser, da kann der Gelehrte noch so eindringlich erklären, dass der Erreger nicht durch die Luft übertragen wird. Des Weiteren lernt der Leser ziemlich schnell, dass das heutige Hamburg wohl etwas zerschnitten war, denn Altona gehörte zu Preußen, und erstes Ziel war es, die Cholera vom Einflussbereich des Kaiserreiches fernzuhalten. Hamburg, die freie Stadt, lehnt dann auch durch den vorerst überheblichen Gesundheitssenator die Hilfe des berühmten Mannes aus Berlin ab, der, statt sich nach Berlin zu begeben, gleich vor Ort bleibt…Und nun erleben wir, was passiert, wenn man die Regeln zur Eindämmung einer derart ansteckenden Krankheit nicht einhält, hier geht es allerdings vordergründig um das Händewaschen und das Abkochen von Wasser.

Wir erleben an drei Fronten den Kampf gegen die Cholera, die Hygiene, die Therapie mit der Kochsalzlösung und die Suche nach der Ursache der Verbreitung des Bazillus. Koch, selbst vom Kaiser hoch angesehen, zwingt den Gesundheitssenator dazu, einen Unmenge an Verhaltenshinweisen in einer sozialdemokratischen Druckerei herstellen und die Wählerschaft der sozialdemokratischen Arbeiterpartei diese verteilen zu lassen. Nur diese Organisation ist wegen der großen Anhängerschaft dazu in der Lage. Das man sieben Liter Kochsalzlösung in einen Menschen durch dessen Venen pumpen kann, ist kaum vorstellbar, aber die Cholera bewirkt nun mal die Dehydration und so muss Kochsalzlösung sein, wenn das Wasser rundum schon nicht sauber ist. Während die Doktoren Karst und Rumpf, beides historische Personen, an der Therapie und Pflege arbeiten und Proben analysieren, sucht Dr. Koch nach dem Grund, warum Altona nicht so stark betroffen wie Hannover ist. Wasserfilter. Klar, da wollte mal wieder einer sparen. Und dann ist da noch die Flut…

* * *

In der Miniserie Charité ging es (zwangsläufig) um den Tuberkelbazillus. Koch hatte versucht, mit Tuberkulin das Gegenmittel zu finden, scheiterte aber hier. Es ist dieses Scheitern und und die nicht unbedingt sympathisch angelegte Figur der Serie, die den Geheimrat nicht sonderlich positiv darstellen; Gut, in diesem Buch den anderen Koch kennen zu lernen: den sympathischen, den mitfühlenden Wissenschaftler. Es ist das Eine, in lexikalischen Werken nach dem wissenschaftlichen Lebensweg zu „forschen“, es ist das Andere, zeitsparende, in einem wohltuenden interessanten und verdichteten Roman, diese Episode aus dem Leben des Namensgebers des momentan jedem Deutschen bekannten Instituts zu lesen. Und dann auch noch dermaßen aktuell.

In dem Moment, in welchem dieser Dr. Robert Koch beginnt, durch Hamburg zu fahren und an der Elbe an verschiedenen stinkenden Orten Proben einer ekelerregenden Brühe ohne Gummihandschuhe (!) entnimmt, fiebert der Leser sofort mit. Was wird der geheime Medizinalrat entdecken?

Ralf Günther hat, das betont der Autor im erklärenden Nachwort, bewusst einen Roman geschrieben, in welchem er nicht einfach strikt der Geschichte folgt. So war Hedwig Freiberg sicher nicht in diesen Wochen in Hamburg zugegen. Die Kochsalzlösung als Therapie ist ebenfalls nur selten angewendet worden. So was nennt man fiktionale Darstellung:

„Die Frage, ‚was ist wahr?‘, die hinter zahlreichen historischen Erzählungen zwangsläufig aufblitzt, lässt sich niemals schlüssig beantworten. Zu viele Wahrheiten sind im Umlauf. Wenn auch manches in dieser Geschichte nicht eindeutig belegbar ist, ist doch vieles wahrscheinlich, manches denkbar, und, was schier unglaublich ist, öffnet die Pforten der Phantasie für den Autor und für die Leserinnen und Leser.“ (Seite 312)

* * *

Soeben las ich, dass sich ein Gegner der kochschen Lehren, der Arzt Pettenkofer und sein Assistent eine „Cholera Bouillon“ tranken, um nachzuweisen, dass es der Boden und das Grundwasser seien, die die Verbreitung verursachten und daher nur die Menschen evakuiert werden müssten. Pettenkofer bekam nur Durchfall, sein Assistent Emmerich allerdings hatte einen richtigen Anfall, kam aber auch mit dem Leben davon, vielleicht, weil die Ärzte insgesamt als Hygieniker höhere Chancen hatten, als die Leute in den armen vielfach verschmutzten Stadtvierteln Hamburgs.* Heute zumindest hat kein Virologe wohl Selbstversuche mit dem Corona-Virus gemacht (vielleicht mit dem Impfstoff?). Die Diskussionen von Ärzten und Wissenschaftlern heute bleiben hoffentlich wissenschaftlich, wenn nicht, dann sollten sie mal historische Romane lesen und die letzte Studie mal kurz bei Seite legen. Obwohl, eigentlich dürfte Medizingeschichte ja zum Grundstudium der Mediziner gehört haben.

Spätestens nach diesem Buch sollte einem klar werden, was es bedeutet, wenn ein Virus dann noch durch die Luft, durch Anniesen, Atmung, unzureichende Lüftung usw. übertragen werden kann, und was passiert, wenn die sogenannten AHA-Regeln nicht eingehalten werden. Oder wenn man sich, alles ignorierend, trifft, um auf Straßen und Plätzen ohne jegliche Rücksicht mit seltsamsten Parolen gegen Maßnahmen zu protestieren. Die Parallelen zu Covid 19 sind überdeutlich, auch wenn es dabei nicht um die Ausscheidungen von Patienten geht, die langsam austrocknen. Die Therapie mit der isotonischen Kochsalzlösung des Dr. Karst kam wegen möglicher Sepsis tatsächlich nur selten zur Anwendung, aber diese „Kur“ erinnert mich durchaus an den Aufwand, der bei akuter Covid 19 – Erkrankung hinsichtlich der Sauerstoffversorgung der Lunge betrieben werden muss.

Die Forscher am Ausgang des 19. Jahrhunderts waren schon sehr weit gekommen, medizinisch, hygienisch. Das, was Ralf Günther mittels seiner Hauptfigur zur Verbreitung des Virus über das Trinkwasser ausführt, ist durchaus übertragbar auf die heutige Zeit, in der Leute es ablehnen, Abstand zu halten und sich ohne Maske in Massen versammeln um gegen die staatlichen Maßnahmen nicht nur zu protestieren, sondern sogar die Existenz der Krankheit, zumindest deren Gefährlichkeit, leugnen.

Der besagte Gesundheitssenator in Hamburg 1892 ändert seine Meinung erst, nachdem er x-Liter Kochsalzlösung in die Venen gespritzt bekam und setzt danach die von Koch erklärten Maßnahmen endlich um. Kommt Ihnen oder Euch das nicht alles bekannt vor?

Ralf Günther hatte Corona bei der Stoffentwicklung nicht im Sinn, jedoch dürften die nach und nach aufgetretenen Probleme und Erkenntnisse auf den Roman gewirkt haben, der nun im November 2021 im Rowohlt-Verlag erschien.

Selten war ein historischer Roman auf eine gewisse Art und Weise auch ein Gegenwartsroman wie dieser.

* * *

Das schreibt Karin Großmann in der Sächsischen Zeitung zur Vorstellung des Romans. Ich finde, man sollte die Kirche im Dorf lassen. Das bedeutet nicht, dass Menschenversuche unter Ausnutzung derer Armut angesichts tödlicher Krankheiten entschuldbar wären. Das bedeutet, dass in früheren Jahrhunderten, und Koch in Ostafrika ist weit über einhundert Jahre her, leider nicht unter Beachtung heute weitgehend üblicher Ansichten geforscht wurde. Wir diskutieren heute über Impfstoffstudien, die zwangsläufig noch keine jahrelangen Zeiträume umfassen. Wieviel kürzer waren ausgangs des 19. Jahrhunderts Zeiträume zur Medikamentenerprobung. Heutige Regeln fußen gerade auf den darin liegenden Problemen, die sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu Medizinverbrechen auswuchsen und denen hoffentlich ein Robert Koch, ein Paul Ehrlich und andere ablehnend gegenübergestanden hätten. Wir wissen es nicht. Also „darf er nicht nur glänzen“ – „er glänzt“. Zu Recht.  Der Name des Instituts steht daher hoffentlich nicht zur Disposition.

* * *

Ralf Günther hat auf diesem Blog bereits seinen festen Platz. Seine historischen Romane sind gründlich recherchiert und behandeln unterschiedlichste Themen. Besonders schön sind die Erzählungen zur Weihnachtszeit. In „Moritzburg“ und „Bach“ geht es um Malerei und, natürlich um Musik.

Der Leibarzt / Der Dieb von Dresden / Das Weihnachtsmarktwunder / Die Badende von Moritzburg / Die Theatergräfin / Orient – Zeitreise Als Bach nach Dresden kam / Die Geheimnisse des Kölner Doms / Eine Kiste voller Weihnachten

* Probst, Christian: Robert Koch In: Die Großen – Leben und Leistung der sechshundert bedeutendsten Persönlichkeiten unserer Welt. Kindler Verlag Zürich, 1995

  • Abb 1: Foto © Bücherjunge
  • DNB / Rowohlt / Hamburg 2021 / ISBN: 978-3-499-00560-2 / 315 S.

 

© Bücherjunge (NZ, 22.03.2022)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.