Haupt, Klaus-Werner: Francesco Algarotti

Gelehrter – Connaisseur – Poet

Mit Buch ins Museum. In eine Kunstausstellung. Ja, das habe ich schon mal getan. Einmal, das war im Jahr 2013, besuchte ich mit dem Buch zur Ausstellung das Albertinum. Dabei ging es um „Indianer aus dem Vatikan“. Dem heutigen Thema etwas näher, auch räumlich, war das zweite Mal, denn ich nahm Findeisens „Goldenen Reiter“ mit in das Grüne Gewölbe im Dresdner Schloss, auf der Suche nach den Kunstwerken des Johann Melchior Dinglinger. Das hier heute zu besprechende Buch wird mich wohl in die Gemäldegalerie alte Meister im Dresdner Zwinger führen, unbedingt zum Schokoladenmädchen, weil ich am Original sehen , wie sich die Fenster im Wasserglas spiegeln und den Faltenwurf der Schürze bewundern möchte. Oben steht was von einem F. Algarotti, doch der ist der Maler des Bildes nicht, er hat es „beschafft“, „vermittelt“, „ersteigert“ und noch mehr von Schweizer Maler Jean-Étienne Liotard, dem er gleichermaßen ein Porträt von sich selbst verdankt.

Francesco Algarotti

Gehört hatte ich von diesem Venezianer, Francesco Graf von Algarotti (1712 – 1764) noch nie, wohl aber von drei bekannten Größen des 18. Jahrhunderts. Da wären in Sachsen zwei und in Preußen einer (neben anderen) zu nennen: Friedrich August II., Kurfürst von Sachsen, als August III. König von Polen und dessen Premierminister, Heinrich Graf von Brühl. In Preußen deren Widersacher: Friedrich der Große.

Vor allem hat er für seine Auftraggeber, als Gönner zeigt sich höchstens der Große Friedrich, Bilder beschafft. Für den August ganze Sammlungen, zum Beispiel die eines Herzogs von Modena. Es müssen hunderte Gemälde gewesen sein, für die der Kurfürst und König seinen Premier das Geld und eine ganze Kompanie reisender Kunstsammler die Gemälde beschaffen lies.

Doch dieser Algarotti war noch mehr, zum Beispiel ein glühender Anhänger Isaac Newtons. Er vollzog einige optische Experimente des großen Engländers nach, schrieb auch darüber. Sein „Newtonianismo per la Dame ovvero dialogo sopra la luce e i colori“ wurde Jahrzehnte später von Goethe besprochen, der sich ja auch mit Farbenlehre beschäftigte, aber diesen „Newtonianismus für die Damen oder Dialog über das Licht und die Farben“ verriss.

Als Goethe dies tat, war der Venezianer schon lange verstorben, die Bemerkung beweist aber, dass er ein Bekannter seiner Welt gewesen war, der vieles konnte und auch schrieb. Zum Beispiel einen Reisebericht nach Russland (Viaggi di Russia; 1764), der viel gelesen wurde. Algarotti beschäftigte sich auch mit Architektur, mit Musik und bildender Kunst, er war ein Connaisseur, ein „Kenner“, ein Experte und er hatte diese Bezeichnung  – Experte – , die heute so inflationär gebraucht wird, mehr als verdient.

Für Dresdner von vielleicht besonderen Interesse, Bonomo Algarotti, der Bruder Francescos, war der Trauzeuge eines Malers namens Bernardo Bellotto und auch Taufpate dessen Sohnes. Francesco aber war es, der dem Bellotto, genannt Canaletto, Dresden empfahl. Aha.

Der Connaisseur erstellt eine Menge Expertisen und doch ging er auch mal einer Fälschung auf den Leim. Er schrieb dazu in einer Sammlung „vermischter Gedanken“ (Pensieri diversi, 1765) den Aphorismus Nr 317:

„Bilder werden nicht nur angefertigt, sondern auch wie Weine gefälscht. Und die meisten Fälscher könnten einen Eid leisten wie der Londoner Weinhändler vor den Richtern, dass in den Flüssigkeiten, die er als Burgunder oder Champagner verkaufte, nicht ein Tropfen Wein war“ ( S. 46)

„Une Stoubenmensche“ nannte der Ankäufer das Bild (Schokoladenmädchen), von dem er dem Brühl schrieb, dass „alle venezianischen Maler… das Bild als das schönste Pastell [betrachteten], das man je sehen habe.“ Das sollte den Preis von 120 Zechini rechtfertigen

„…die Malerei ist fast ohne Schatten, vor hellem Grund, und sie erhält ihr Licht von zwei Fenstern, die sich in dem Glas spiegeln. Sie ist in Halbtönen gearbeitet, mit unmerklichen Stufungen des Lichts, und von einem perfekten Relief…“ (S.51)

 

Porträts von Jean Étienne Liotard

Während die Sachsen seine Dienste, nun ja, eher knausrig entlohnten, war der „roi de philosophe“, der Große Friedrich, wesentlich mehr um diesen italienischen Grafen bemüht, dem er einen Kammerherren-Titel und den Pour le Merité verlieh. An Sans Suci hatte Algarotti seine Hand mit im Spiel, an der Oper unter den Linden und an Friedrichs Gemäldesammlung, die nun durch „Italiener“ bereichert wurde. Friedrich wartete wohl sehnsüchtig auf den Grafen, wenn er abwesend war. Auch stiftete der Preußenkönig das Grabmal für den geschätzten Kunstgelehrten, dessen „Memoiren rund um das Leben und die Schriften des Grafen Francesco Algarotti“, ihm gewidmet wurden.

Das Buch

Dies erzählt in einem 100seitigem Heft mit vielen Bildern Klaus-Werner Haupt, der im Ruhestand die Leidenschaft für das Schreiben entdeckte, woraus mehrere Sachbücher entstanden. Haupt hat die wenigen „Reisefenster“ auch des Jahres 2020 genutzt und eine Unmenge Informationen zusammengetragen; beim Lesen schwirrt einem schon mal das Gehirn vor Namen, Bildern, Ereignissen. So lässt er er uns, die wir vielleicht nur wussten, dass Friedrich der Große mit dem Franzosen Voltaire korrespondierte, in die tatsächliche “Beziehung“ einen Blick werfen.

 

 

Hat sich schon mal einer gewundert, dass über dem Portal des Schlosses in Potsdam „Sans, Suci.“ steht? Noch heute rätseln Gelehrte darüber. Was es damit auf sich hat, erzählt Haupt wie vieles andere sehr spannend und malt ein Kaleidoskop, welches den „barocken“ Dresdner herausführt aus seinem Elbflorenz und auf die Reise in andere Kunstmetropolen senden kann. Sanssouci ist ja nicht weit weg, Kassel etwas weiter und Venedig bekommt einen weiteren Grund, irgendwann einmal besucht zu werden.

* * *

Reisefenster. Ob folgende Episode du der dazugehörige Aphorismus in das Heft aufgenommen wurden wären, wenn wir nicht gerade mit dieser Pandemie leben müssten? Durch den österreichischen Erbfolgekrieg (1740 – 1748) verbreiteten sich Krankheiten und es drohte eine contumacia, eine Quarantäne. Algarotti verließ schnellstens Italien und schrieb Aph. Nr. 23:

„Vom Orient kamen die Pocken und vom Orient kam auch das Heilmittel gegen sie. Das Heilmittel ist die künstliche Verbreitung der Krankheit, das einimpfen der Pocken selbst. Alle Erfahrung und alle Berechnungen lasen die Impfung als eines der besten Medikamente erscheinen. Man wendet sie in Dänemark, in Frankreich und vor allem in England an. Italien verweigert sich und wird sie vielleicht nie einführen.

Damit in einem ganzen Volk eine Behandlung Fuß faßt, die ein gewisses Risiko mit sich bringt, bedarf es der Autorität eines Fürsten oder eines gewissen Mutes im Volk selbst. Italien ergreift keine Partei oder ist geteilter Meinung, und die Erziehung, die man bei uns gewöhnlich den Kindern angedeihen lässt, lässt sie zu feigen und kleinmütigen Erwachsenen werden.“ (Seite 53)

Höchst aktuell und wenn die deutschen „Landesfrauen und -Herren“ weniger zaghaft und mehr einig wären, das deutsche Volk ein wenig besser mitmachen würde, käme ich eher mit diesem Büchlein in die Sempergallerie.

Vielen Dank an den Klaus-Werner Haupt UND an den Verlag Bertuch, denn zwei Exemplare mussten nicht sein.

 

© Bücherjunge

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