ROTER RABE zum Zweiten…

Bloggertreff LBM 2015

oder eine freundschaftliche Entgegnung am 07. Februar 2019

Mit Spannung erwartete ich die Buchbesprechung zum ROTEN RABEN eines Bloggerkollegen aus dem bayerischen Raum. Grade eben ist sie erschienen, die Besprechung der Kleinen literarischen Sternwarte ASTROLIBRIUM von Arndt Stroscher. Seine Rezensionen zeichnen sich gegenüber so vielen der oft einem allgemeinen Schema folgenden Buchbesprechungen aus, auch, oder vor allem, weil man sie hören kann. Auf LITERATUR RADO HÖRBAHN. Großes Format. Wirklich.

Oft, ja meistens verstehen wir uns gut, haben ähnlich Ansichten, interpretieren Texte derselben Bücher. Kennengelernt haben wir uns durch den Roman JUDAS von AMOS OZ. Dieses Buch führte zu einem ersten Treffen auf der Leipziger Buchmesse 2015.

Vor einigen Jahren richtete sich der Fokus auf den Dresdner Autor Frank Goldammer. Mit seiner Max – Heller – Reihe, verlegt im DTV, kam er auf einer hohen Wolke im literarischen Himmel der historischen Kriminalromane an.

Hierbei wichtig ist die Zeit, in der Goldammer seinen Helden wirken lässt. Max Heller ist Kriminalpolizist, als im Jahre 1944 DER ANGSTMANN den Dresdnern Angst macht. Die Ermittlungen ziehen sich bis Sommer 1945 hin, dazwischen liegen die Zerstörung Dresdens und die Befreiung Deutschlands von nationalsozialistischen Regimes. Dresden wurde hierbei von der ROTEN ARMEE befreit. Ich stehe dazu: BEFREIT.

HELLER ermittelt also weiter. Er wird heimgesucht von TAUSEND TEUFELN und VERGESSENEN SEELEN. Diese drei Bände erzählen fiktiv Dresdner Geschichte bis kurz vor Gründung zweier deutscher Staaten. Heller, dessen Sohn Erwin nach Rückkehr aus der Gefangenschaft im Westen Deutschlands lebt, während der andere, Klaus, im ostdeutschen Vorläufer des späteren Ministeriums für Staatssicherheit arbeitet, kommt nicht umhin, mit Geheimdiensten der Sowjetunion und dann dem MfS zu sprechen und zusammenzuarbeiten. Meist fordert er Informationen.

Im ROTEN RABEN wird es diesbezüglich komplizierter für den Kriminalisten, denn wir schreiben inzwischen das Jahr 1951. Er ermittelt in einem Land, das vom westlichen deutschen Staat und den Medien nur „Sowjetzone“ oder „Zone“ genannt wird. Churchills Rede in Fulton, die den Kalten Krieg sinngemäß einleitete, entfaltet nun ihre Kraft. Drohend über der Welt stehen Pilze aus atomaren Staub, radioaktiven Fallout. Zwei US-Bomben sind schon gefallen und beendeten den Krieg in Südostasien. Vor zwei Jahren zog die Sowjetunion mit Tests nach. Hysterische Angst vor Spionage und Sabotage entstehen auf beiden Seiten einer Demarkationslinie.

Die Macht in der DDR übernahmen die aus dem Exil in den Ländern der Welt, hauptsächlich aus Moskau wiederkehrenden Kommunisten. Propagiert wird ein System, welches nach Überwindung der anfänglichen Schwierigkeiten alle Menschen gleich behandeln, jedem nach seinen Leistungen geben und die Bedürfnisse aller befriedigen möchte. Stadt und Land zusammen. Volkseigentum und Bodenreform. Frieden in der Welt, Freundschaft mit allen friedliebenden Völkern. Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Gleiche Schulbildung für alle Kinder. Jedem einen Arbeitsplatz. Keine Rassenunterschiede. Einziger Feind: der Imperialismus.

DDRAlso alles anders als von 1933 bis 1945, Jahre des Krieges, des Terrors, des Völkermordes, der Deportationen, der Konzentrationslager. Unter einem Zeichen, das einen Hammer, einen Zirkel und einen Ährenkranz zeigt – Zeichen für Arbeit in Fabriken, Bau, Wissenschaft und auf dem Land; keine schwarze Spinne auf weiß-rotem Grund, kein deutschen Adler als diskreditierte Symbole vergangener deutscher Jahrzehnte, wenn auch auf Schwarz-Rot-Gold:  im Sinn doch gemeinsamer Traditionen? Vielleicht mehr als man geneigt war, zuzugeben?

Max Heller, nun um die Fünfzig, kämpfte im ersten Weltkrieg, wurde verschüttet und verwundet, wurde Polizist und brauchte wegen der Beinverletzung nicht in den zweiten Krieg. Ja, es stimmt, er diente der Polizei im NS-Regime und dies dürfte schwierig gewesen sein. Wir wissen auch noch nicht alles über diesen Weg, vielleicht wird uns Frank Goldammer mehr verraten mit der Zeit.

Eins ist er nicht, der „gerechte Sheriff“ in der Stadt, der einzige „Aufrechte“, der geradlinig und furchtlos seinen Weg geht. Das Bild, welches Arndt Stroscher damit zeichnet, scheint mir wenig nachvollziehbar. Der Münchner Blogger zeigt den Konflikt, in dem der Mensch Heller steckt, zwar richtig auf, verkennt aber dabei, dass das alte und das neue Regime, welches noch knapp vierzig Jahre bestehen wird, eben nicht einfach so verglichen werden können. In den Jahren dieser sozialistischen Republik, die ihre sozialistischen Ideale nicht entwickeln und nicht durchhalten wird, arbeiten viele Menschen, die diese Veränderungen als positiv, als zukunftsorientiert ansehen. Zu diesen zähle ich Max Heller, dem die politischen Zustände, unter denen er arbeiten muss, ganz bestimmt nicht schmecken, der aber im Westen keine Alternative sieht, da, wo der schwierig zu beschreibende hochgelobte Freiheitsbegriff einhergeht vor allem mit dem Begriff des Geldes. Die schwerreiche USA, deren Konzerne Millionen verdient haben in den Kriegsjahren, schüttet diese nun in den Westen Europas, wissend, sie werden es vielfach vergütet bekommen. Was schüttet die Sowjetunion in den östlichen Teil? Könnten wir Luftbilder des Jahres 1945 beider Länder in heute möglicher Auflösung flächendeckend betrachten, wir bräuchten darüber nicht sprechen. Und doch, trotz Abbau von Fabriken, Maschinen, trotz Konfiszierung von Lebensmitteln und sogar Kunst: Vielfaches wird sie zurückgeben Ähnlichkeiten? Aber ja.

Und so geht es weiter mit den unterschiedlichen Bildern, die sich dem Dresdner und dem Münchner Blogger auftun beim Verarbeiten der erlesenen Geschichte.

Hat Heller seine Seele verkauft? „Mephistophelischer Konflikt“? Große Worte. Dem kann ich nicht zustimmen, hat doch der hier schreibende ehemalige Berufssoldat in der DDR vor knapp dreißig Jahren die Gelegenheit ergriffen, Beamter im, ihm vorher unmittelbar gegenüberstehenden, „Grenzüberwachungsorgan der BRD“ zu werden. Und ist es noch. Nicht, das dieser Schritt anfangs leicht gefallen wäre.  Ich denke, das Heller das Weiterarbeiten als einen positiven Schritt nach der NS-Diktatur empfunden haben könnte.

Ja, es ist ein Konflikt, den Max Heller hier mit sich austrägt. Momentan versucht er, mit seinen Möglichkeiten, diesen zu Hause zu lösen, mit Blick auf eine bessere Gesellschaft, die ich oben bereits beschrieb.

„Keine Chance, der neuen DDR zu entkommen, keine Chance, sich dem Weltbild zu entziehen oder ihm offensiv zu entsagen. Keine Möglichkeit, bei aller Integrität unbelastet zu sein.“ – schreibst du, lieber Arndt, angesichts der Narrative deiner Erziehung, deiner Erfahrungen, geboren ungefähr in der Zeit des Mauerbaus, so wie ich. Doch folge ich ebenfalls bestimmten und gleichermaßen teilweise fehlerhaften Narrativen. Diese sagen, und davon bin ich allerdings überzeugt, dass diese DDR und das Regime, welches sich in ihr entwickelte, differenziert betrachtet werden müssen und keinesfalls auf Totalitarismus reduziert werden dürfen. Noch einmal verweise ich auf die Hoffnungen, die Menschen auf dieses Land setzten.

Max Heller hat sich, soweit wir bis jetzt wissen, auch nicht mit „jedem Teufel“ eingelassen. Ich erinnere da nur an Saizew, den jungen sowjetischen Offizier, auf den er zuerst trifft und dessen Rolle im ROTEN RABEN etwas undurchsichtig bleibt. Was wir nicht wissen, wie Heller während der NS-Zeit arbeiten konnte. Als die Kriminalpolizei dem Hauptamt Sicherheitspolizei zugeordnet war und am Ende im Reichssicherheitshauptamt aufging. Himmler – Heydrich – Kaltenbrunner und ihre Ableger…
Vielleicht kommt Goldammer darauf noch einmal zurück.

Nachfolgend sind die folgenden Bemerkungen eher marginal: Es wird stimmen, Urlaub an der Ostsee bekamen noch nicht viele. Aber genehmigt werden musste der nicht. Heller bekam ihn. Erstens war er auf eine gewisse Weise unersetzlich, weil positiv berechenbar ob seines Charakters. Zweitens wollte man ihn in der Partei, der einheitlichen, der sozialistischen.
Genehmigt wurde hingegen die Reise von Karin zu Erwin in den Westen. Eigentlich gar kein Problem im Jahre 1951. Vielleicht nicht gern gesehen, aber nicht zu verhindern. Während Urlaubs- und Verwandtenreisen in den ersten Jahren der DDR kein Problem darstellten, für Funktionäre, Polizisten, vor allem Offiziere war das bestimmt anders. In der schon erwähnten Spionage- und Sabotagehysterie fast schon verständlich. Beidseitig.

Es wird letztlich an Frank Goldammer liegen, und hierbei stimme ich dir zu, ob und wie er diesen Heller-Konflikt auf die Spitze treibt, wenn das Land auf die durch Beton manifestierte achtundzwanzigjährige Teilung zutreibt, die nicht endgültig sein wird. Ich, der ich in den sozialistischen Überzeugungen unter Hammer-Zirkel-Ährenkranz aufgewachsen bin, hoffe, dass Max Heller nicht den Schritt gehen muss, der sich dir anscheinend andeutet.

 

Zum klar stellen: Das was unter Verantwortung nicht nur der Staatssicherheit mit politischen Gegnern, auch vermeintlichen Gegnern angestellt wurde, willkürliche Verhaftungen, Schauprozessen, überzogene, völlig ungerechtfertigte Haftstraßen und, am allerschlimmsten, Folter, führt zwangsläufig mit zum Untergang eines Landes, welches sich humanistische Ideale auf die Fahnen geschrieben hatte. Mit Recht. Aber gerade weil es Menschen gab, die wie Max Heller Anstand, Haltung und Gewissen über die NS-Zeit hinaus bewahrten und darauf bauten, dass man etwas machen kann aus diesem Land, eine Alternative zum Beispiel, haben wir hier keinen nur in einer Richtung aufzulösenden Konflikt: die Abwendung von Dresden und der Gang in den Westen Deutschlands.

Es ist spannend, wie wir so Geschichte aufarbeiten: Streitig, vereinend, verstehend, auch mal begeisternd. Das ist vielleicht einfacher bei Themen wie Palästina, selbst wenn es um ernsthaftes Auseinandersetzen mit Themen „Gegen das Vergessen“ geht. Die Deutsche Geschichte ist wichtig für uns, für unser Land.

Ich bin gespannt, was du sagst und freue mich auf viele weitere gemeinsame Bucherlebnisse.

© Der Bücherjunge

(NZ – 14. Februar 2021 – UR)

 

4 Gedanken zu „ROTER RABE zum Zweiten…

  1. Lieber Uwe, meine Narrative sind hier gut aufgenommen worden. Ich nähere mich abstrahiert und doch recht persönlich. Ich habe die ersten NVA-Soldaten nach der Wiedervereinigung ausgebildet, die sich entschieden, ihren Dienst in der Bundeswehr zu versehen. Ich habe ein differenziertes Bild und viele Fragen an mich… und auch klare Antworten…

    Deutschland AFD-regiert. Ich als Berufsoffizier? Die Anwort ist klar, wenn auch wirtschaftlich schwer zu vertreten, wenn man in der Verantwortung steht. Mephisto lässt grüßen.Meine Antwort lautet NEIN!

    Ich mache es Max Heller nicht leicht aber auch nicht allzu schwer. Dazu bewundere ich seine Art zu sehr. Gradlinigkeit ist ein seltenes Gut. Wir sollten in Leipzig darüber reden. Und nicht nur darüber…

    Herzlichst

    Mephisto


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