Über das Verbrennen von Büchern

Über das Verbrennen von Büchern berichtet unter #weiterlesen: Das Literaturnetz Dresden. Es geht um die doppelte Bücherverbrennung, über die sich im folgenden Beitrag der Redaktuer Oliver Reinhard und der Historiker Mike Schmeitzner austauschen.  Die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten ist meist mit dem 10. März verbunden. An diesem Tag brannten auch Bücher auf der Dresdner Räcknitzhöhe, an einem Ort meiner Kindheit. Jedoch gibt es ein weiteres Datum, das in Dresden interessant ist, das ist der 8. März, an dem schon Bücher brannten am Wettiner Platz…

 

Über das Verbrennen von Büchern

Im Film Erich Kästner und der kleine Dienstag kommt der Autor eines der bekanntesten Kinderbücher der Welt, Erich Kästner,  in Berlin am Opernplatz vorbei, und sieht mit an, wie seine Bücher den Flammen übergeben werden. Es ist der 10. Mai 1933. Kästner wird erkannt, angegriffen wird er nicht. EMIL UND DIE DEDEKTIVE wird vorerst nicht verboten werden, für den ist es erst 1936 so weit. FABIAN – DIE GESCHICHTE EINES MORALISTEN, ein Roman für Erwachsene, fliegt auf den Scheiterhaufen.
Darüber schreibt Kästner dann bereits am 09. Mai 1947 den Text KANN MAN BÜCHER VERBRENNEN? Man kann. Und doch:
„So einfach war es, eine Literatur auszulöschen? Mit so plumpen, gemeinen Maßnahmen konnten Bosheit und Dummheit triumphieren? So rasch gab der Geist seinen Geist auf? Wir wussten damals nicht, was heute, nach vielen entsetzlichen Jahren, die ganze Welt weiß: Mit solchen Methoden kann man zwar ein Volk vernichten, Bücher aber nicht. Sie sterben nur eines natürlichen Todes. Sie sterben, wenn ihre Zeit erfüllt ist. Man kann von ihren Lebensfaden nicht eine Minute abschneiden, abreißen oder absengen. Bücher, das wissen wir nun, kann man nicht verbrennen.“ (2)

Der ATRIUM – Verlag, gegründet 1935 von Kurt Georg Maschler, einem Freund Kästners hielt nun die Rechte an dessen Werken. „Da ich Kästner nicht dazu bewegen konnte zu emigrieren, emigrierte ich seine Bücher. Ich fuhr in die Schweiz und gründete den Atrium Verlag.“
Im Verlag kam das Büchlein heraus. Es beinhaltet Texte Erich Kästners zum Thema. Eindrucksvoll auch der Text ÜBER DAS VERBRENNEN VON BÜCHERN vom 10. Mai 1953 / 1958. In diesem schreibt Kästner:
„Seit Bücher geschrieben werden, werden Bücher verbrannt. Dieser abscheuliche Satz hat die Gültigkeit und Unzerreißbarkeit eines Axioms. Er galt zur Zeit der römischen Soldatenkaiser und unter Kubilai Khan, bei Cromwell und für die Konquistadoren, für Savonarola, Calvin und Jacob Stuart, für die Jesuiten, die Dominikaner und die Puritaner, für China und Rom, für Frankreich, Spanien, England, Irland 

und Deutschland, für Petersburg, Boston und Oklahoma City. Immer wieder hatten die Flammen ihren züngelnden Wolfshunger, und immer wieder war ihnen das Beste gerade gut genug. Sie fraßen die Werke von Ovid und Properz, von Dante, Boccaccio, Marlowe, Erasmus, Luther, Pascal, Defoe, Swift, Voltaire und Rousseau. Manchmal fraßen sie den Autor oder den Drucker als Dreingabe. Oder sie leuchteten, damit der Henker den Angeklagten umso besser die Ohren abschneiden, die rechte Hand abhacken und das Nasenbein zertrümmern konnte. 
Hören Sie sich, bitte, ein paar Sätze aus einem Buch an, und versuchen Sie zu erraten, wer das und wann er es geschrieben haben könnte! 
 »Man hat nicht nur gegen die Autoren, sondern auch gegen ihre Bücher gewütet, indem man besondere Kommissare beauftragte, die Geisteserzeugnisse der bedeutendsten Köpfe auf offnem Markte zu verbrennen. Natürlich meinte man in diesem Feuer die Stimme des Volkes, die Freiheit und das Gewissen töten zu können. Man hatte ja obendrein die großen Philosophen ausgewiesen und alle echte Kunst und Wissenschaft ins Exil getrieben, damit nirgends mehr etwas Edles und Ehrliches anklagend auftrete … Während in fünfzehn Jahren … gerade die geistig Lebendigsten durch das Wüten des Führers umkamen, sind nun wir wenigen … nicht nur die Überlebenden von anderen, sondern auch von uns selber, weil ja mitten aus unserem Leben so viele Jahre gestohlen wurden, in denen wir aus jungen zu alten Männern geworden sind, … indessen wir zur Stummheit verurteilt waren.« 
 Das hat Tacitus nach der Schreckensherrschaft des Kaisers Domitian geschrieben, der im Jahre 96 n. Chr. ermordet wurde. Achtzehn Jahrhunderte und ein halbes sind vor diesen Sätzen vergangen wie ein Tag und wie eine Nachtwache.“ (3)

Diese ausnahmsweise ziemlich lange Zitat hat mich beeindruckt und soll dafür stehen, dass solange wie Diktaturen bestehen oder die Gefahr besteht, dass welche entstehen oder ausgebaut werden, das , wie Kästner weiter ausführt, Heinrich Heine gilt: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“**

Im Oktober 1965 berichtet Kästner von einer Bücherverbrennung am Rhein, wo Jugendliche des „Bundes Entschiedener Christen“ Bücher von Camus, Grass und ihm selbst verbrannten. Man lese die Begründung nach in diesem Büchlein, sie erfolgte unter Berufung auf den Apostel Paulus , der von der Verbrennung von Zauberbüchern sprach.
Und heute? Heute hören und lesen wir einerseits von Koran-Verbrennungen durch amerikanische Fundamentalisten und Terroranschlägen auf  Charlie Hebdo. und anderen Ob davon in 2000 Jahren Menschen lesen, was ein „Tacitus“ des 21. Jahrhunderts geschrieben hat? Das ist alles nicht weit weg vom 10. Mai 1933, angezettelt von Studentenbünden.
Wir beschäftigen uns heute in unseren Blogs mit Büchern. Mit vielen Büchern. Mit Schöner Literatur und mit Sachbüchern. Über Politik, Geschichte genauso wie mit Märchen, Fantasy- und Kriminalromanen. Mit Erzählungen, Novellen, auch mit Bilderbüchern. Ein kleiner Überblick aus dem Jahr 2019 zeigt dies. Gelegentlich hört man davon, dass Menschen lesen um sich vom Alltag abzulenken. Warum nicht. Wenn sie aber nur noch Fantasy-Geschichten und Sience Fiction lesen, dann ist das wohl nicht genug, um künftige Bücherverbrennungen zu verhindern.
Schreiben unter #gegendasvergessen

© Bücherjunge (NZ, 28.04.2021)

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