Waldschlößchenbrücke

FÄRDSCH isse, de Brügge!
oder 
KaratekaDD erklärt die Sache mit der Brücke

So hieß die Überschrift am 26. August 2013 auf unserem Blog Litterae – Artesque. Der Zusatz „KaratekaDD erklärt…“ verweist auf diverse eigene Schreibergüsse, aber die könnt ihr hier selber nachlesen. Die Waldschlößchenbrücke hat Dresden unrühmlich berühmt gemacht. Also berühmt war Dresden ja bereits vorher, aber eine deutsche Großstadt, eine Landeshauptstadt, braucht gelegentlich einen Skandal, der in den Köpfen bleibt.  Hier nun der leicht redigierte Post aus dem Jahr, an dem die „Brügge färdsch“ wurde.

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Brückenansichten

Da steht sie nun, den Strom überspannend, wartend auf die Autos am Morgen eines Montags im August 2013. Zwei Tage konnten wir Fußgänger auf ihr wandeln, sogar durch die Autotunnel, welche auf die Staufenbergallee und auf die Bautzner Straße führen. Es sind die einzigen zwei Tage, in denen Biertischgarnituren aufgebaut sind und wir das Bier aus der schönsten Brauerei der Welt, welche ja gar keine Brauerei ist, sondern ein Opernhaus, genießen können. Mit einem nie dagewesenen Blick auf die Elbschlösser und auf die Stadt – Silhouette mit der alles überragenden Frauenkirche. Vielleicht ist dies mit der Grund, warum sich auf der Brücke wohl nur fröhliche Menschen befanden. 

Blick von der Bautzner Straße

Okay, die Frauenkirche überragt alles nur, weil wir sie von der Waldschlößchenbrücke „irgendwie“ von oben besehen und alle anderen wichtigen Türme plötzlich weit entfernt von ihr stehen. Aber damit bin ich beim Thema: BLICKBEZIEHUNGEN! Dazu gleich mal ein zugegebenermaßen provokatives Bild:

Ich kann es nämlich nicht mehr hören: Durch die Brücke würden die Blickbeziehungen auf die Stadt von den Elbauen gestört. So? Der geneigte Besucher stelle sich einmal auf die Brücke und gehe unter ihr durch. Schmarrn! Blick auf die Elbschlösser (Albrechtsschloss, Lingnerschloss und Schloss Eckberg) gestört! Ebenso großer Unsinn. Alle drei konnte man auch bisher, also ohne Brücke, nur sehen, wenn man weiter Richtung ► Blaues Wunder, die Elbbrücke in Blasewitz – Loschwitz, spazierte…

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Blickbeziehungen

Die BLICKBEZIEHUNGEN sind der GRUND (?) für die Aberkennung des Welterbetitels durch die UNESCO. Nun ja, jeder weiß, dass diese Organisation von der geplanten Elbquerung wusste, als sie das Elbtal besah und begutachten lies.

Natürlich komme ich nicht umhin, das Thema Weltkulturerbe zu bemühen. Die Dresdner Elblandschaft erhielt den Titel 2004 und 2008 war er wieder weg. Ein einmaliger Vorgang. Mit Recht darf darüber debattiert werden und ein Ruhmeszeichen für die Demokratie insgesamt ist es wohl auch nicht, aber auch nicht für die UNESCO.  Bürgermeister und Regierungspräsidium beharrten standhaft auf der Umsetzung des Bauvorhabens. Schließlich kostet auch so ein Planfeststellungsverfahren viel Geld. In einem Bürgerentscheid sprach sich die Mehrheit der Dresdner für den Brückenbau aus. Weniger wohl die, welche in größerer Nähe wohnten, ausschlaggebend war bestimmt das Verkehrsaufkommen, welches zwingend eine neue Elbquerung erforderlich machte. Die Kontroverse kann in einem extra Wikiartikel als Dresdner Brückenstreit nachgelesen werden. Der Streit ging weniger um das Thema Elbquerung an sich als darum, ob ein Tunnel eine Alternative wäre. Dazu hätte ich gern meinen leider verstorbenen Großvater gehört, der hätte uns das als Tunnel- und Brückeningenieur erklären können; Nachkommen jedenfalls meinen, dass das Bauvorhaben Tunnel die betroffene Elblandschaft viel mehr geschädigt hätte, was ich für einleuchtend halte.

Am 24. August 2013 ist die Brücke fertig und die SÄCHSISCHE ZEITUNG hat eine Sonderbeilage heraus gebracht. Und auf der Titelseite der Tageszeitung trägt der Bauleiter ein Schild auf den Schultern:

F Ä R D S C H !
Schdimmd. Nu isse färdsch, die Brügge. 

Streit und Zankapfel von Parteien und Organisationen und den elbflorentinischen Bürgern. Ich mach kein Hehl daraus: ICH BIN BRÜCKENBEFÜRWORTER! Das ist sicherlich ein nicht sehr schönes Wort. Aber schließlich wurden die Dresdner aufgefordert, sich in einem Bürgerentscheid zu positionieren. Wenn ich die Geschichte hier erzählen wollte, dann müsste ich Fortsetzungen schreiben. Das brauche ich dank eines gewissen Peter HILBERT nicht. Denn der hat dieses Buch hier verfasst.

Und dieses Buch wird uns dieses Desaster ständig vor Augen halten. Die Wörter Planfeststellungsbescheid / Bürgerentscheid / Oberverwaltungsgericht haben sich in die Hirne der Dresdner eingebrannt.

Die Bürgerinitiative PRO WALDSCHLÖßCHENBRÜCKE hat auf ihrer Webseite immer aktuell vom Baugeschehen berichtet. Oft war Brückenpicknick. Erstinformation für die Dresdner vor Ort an der der Baustelle. Viele Dokumente findet man auf der Seite der Bürgerinitiative. Entwicklung, Entscheidungen, Baustopps, Gerichtsverfahren und vieles mehr werden dargestellt. 

Das macht auch der ► Peter Hilbert in seinem Buch. Zum Beispiel erzählt er, wie Baupolier Schöps den Dresdner Baubürgermeister Marx von der Brücke „warf“, weil dieser unangemeldet mit eine Gruppe Journalisten das Einsetzen des letzten Stahlteiles in den Brückenbogen beobachten wollte. Unschönes Ergebnis: Schöps durfte nicht mitfeiern. (siehe Artikelfoto links)

 

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Zeitungsausschnitte

Das Einschwimmen des dann fertigen Brückenbogens war auch eine technische Meisterleistung. Am 19.12.2010 waren wir an der Elbe dabei. Bei Schnee und Eis wurde der Stahlbogen eingeschwemmt. Das war ein Schauspiel und eindrucksvolle Ingenieurskunst. Die Elbe musste vorher ausgebaggert werden. damit die Pontons schwimmen  konnten.

Einschwimmen des Brückenbogens

Berühmt wurde eine Fledermaus. Die Kleine Hufeisennase.  Die Minifledermaus bekam sogar eine eigene, wenn auch sehr kurze „Kolumne“ in der Steffen Lukas Show bei Radio PSR. Hufi war sehr gefährdet durch die Brücke, sagen die Tierschützer welche auch Brückengegner und auch so genannte Tunnelbefürworter waren. 

Mal davon abgesehen, dass das Fledermäuschen nie über weitgehend flache Landschaften fliegen würde, geschweige denn über einen glatten Spiegel wie die Elbe, weil sein „eingebautes Echolot“ eben nicht das notwendige Echo einer welligen, von Gräben durchzogenen und von Büschen und Bäumen   bewachsenen Landschaft zurückwerfen würde.

Populationen wurden weit entfernt von der Brücke Richtung Pillnitz und Richtung Meißen gefunden.  Kaum anzunehmen, dass die sich in der „Mitte“ finden werden. Nun, jetzt hat man landschaftgestaltend eingegriffen, sogar einen Flugplan hat man für die „fliegenden Vampire“ aufgestellt. Ob sie sich daran halten werden? Gerichte haben sich um die possierlichen Nachtjäger gekümmert und Baustopps für 100tausende von Euro verursacht. Doch halt, es waren nicht die Gerichte. Es waren die jeweiligen Einreicher diverser am Ende doch nicht brückenverhindernder Klagen. Ergebnis des ganzen Streits ist eine Anlage, wie wir sie alle kennen. 

In der Nacht, logisch, denn die Tierchen sind ja Nachtjäger, müssen alle Autos 30 km/h fahren. Dies ist zwar eine Anweisung der Straßenverkehrsbehörde, sie beruht aber auf der Vorgabe des OVG Bautzen, wenn ich mich nicht irre. Klar, dass man dies durch eine hypermoderne Blitzanlage beeinflussen will. Ich bin auf die Statistik gespannt: Wieviel Prozent der Autofahrer möchten unbedingt ein Waldschlößchenfoto haben? Eine einzige tote Fledermaus hat man in den Streitjahren auf einer der Dresdner Brücken gefunden. Ob die wohl ein Brückengegner dahin gelegt hat?   

Hufi ist zum begehrten Spielzeug geworden. Die Seiffener Spielzeugmacher haben sich ihm (Rufi Hufeisennase; PSR) angenommen. Und so sieht das Tierchen aus, welches man in jedes Kinderzimmer hängen kann. Es sind nicht nur Fledermäuse gewesen, welche Erstaunen hervor riefen. Sehr interessant fand ich die Geschichte mit dem Elbebiber, der eines Tages seinen Bau an einem Brückenpfeiler errichtete. Natürlich rief das den Tierschutz auf den Plan. Ob es zum erneuten Baustopp kam, steht sicherlich in Hilberts Buch. Und so kann man vieles nachlesen, was in den letzten Jahren die einen Dresdner erboste und die anderen zum Applaudieren brachte. 

Zum Abschluss ein paar Zahlen:

  • Aus heutiger Sicht halten 82 %  der Bürger den Bau für richtig; 10 % für falsch.
  • Für den Bau waren ursprünglich 72 %; 19 % dagegen.
  • Den Tunnel halten immer noch 42 % für eine Alternative; 43 % sagen dies nicht.
  • Die Stadt hat laut 74 % der Bürger in ihrem Interesse gehandelt.
  • Für sehr gut und gut gelungen halten insgesamt 77 % den Bau.
  • Aber es bedauern auch 56 % den Verlust des Welterbetitels. Die einen weil sie es auf die Brücke schieben, die anderen, weil sie die UNESCO für engstirnig halten. Oder ähnliches. Da 37 % der Befragten den Verlust nicht bedauern, gibt es sicherlich noch genügend Diskussionen.
  • Die einzige Diskussion, die ich „vermisst“ habe ist die, ob Dresden nun in Nord / Süd- oder in Ost / Westrichtung gespalten wurde. 

Nun steht sie da. An den Anblick konnte man sich bereits einige Jahre gewöhnen. Nun ist sie FÄRDSCH, wie der Sachse zu sagen pflegt. Seit gestern Nacht rollt der Verkehr. Prompt kam es zu Stau und diverse Leute erklärten: „Habsch gommen sähn!“ Kommentare unter den Online-Artikeln der Sächsischen Zeitung sprechen Bände…

Es gibt noch ein paar Großprojekte in dieser deutschen Republik, in die sich die Waldschlößchenbrücke gar würdig einreiht. Da wären die ► Hamburger Elbphilharmonie, der ► Stuttgarter Hauptbahnhof und natürlich ► BBR: Berlin – Brandenburg International, der Großflughafen. Allerdings, ich wiederhole es gern noch einmal:

Nu isse färdsch, die Brügge!

Peter Hilberts Brückenchronik wird den Dresdner Brückenstreit lebendig halten. Vielleicht denken die Dresdner gerade wieder mal daran, da man sich im Stadtrat streitet, ob man die frisch sanierte Agustusbrücke, auf der nur Straßenbahnen fahren sollen, nicht doch zeitweise wieder für Autos zulässt, da ja die anderen Elbbrücken ebenso sanierungswürdig sind.

Brückenfest



  • DNB / Edition Sächsische Zeitung / Saxo Phon GmbH / Dresden 1.2013 / ISBN: 978-3-943444-03-2 / 160 Seiten
  • zuerst veröffentlicht unter Litterae – Artesque am 26. August 2013

© Der Bücherjunge (NZ – 07. Februar 2021 – UR)

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